AM ANFANG SIND DIE AUGEN

Zum Blick der Cartoonistin Margit Krammer

Von Birgit Schwaner

 

Die Kunst der Reduktion ist eine der Konzentration. Nicht irgendeine Linie suchen der Zeichner, die Zeichnerin – sondern die einzig charakteristische, den idealen Strich. Margit Krammer, seit vielen Jahren Cartoonistin u.a. für die „Wiener Zeitung“, zitiert Paul Klee, der sinngemäß einmal gesagt habe, es gehe darum, mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Wirkung zu erzielen.

Die klassische Vorgabe also, die – fast japanisch anmutend – in Kunst und öffentlichem Leben gleichermaßen gelten könnte.

Und die, je nach Genre, Form und Perspektive, Vielfalt und Freiraum zur Weiterentwicklung bedeutet – entlang des roten Fadens konzentrierter Selbstkritik.

 

„Auch für Cartoons?“, höre ich Sie jetzt fragen. Ja, auch für Cartoons. Diese kleinen, knapp gezeichneten Bilder, die uns oft die Zeitungslektüre auflockern. Die im gelungenen Fall auf einen Blick den gedruckten Text hintergründig oder ironisch kommentieren, ins Komische kippen, erhellen, ergänzen. Mit der Wirkung der unerwarteten Pointe.

 

Doch die schräg-minimalistischen „Geistesblitz-Bilder“, die so skizzenartig leicht und schnell von der (zeichnend Zeichen setzenden) Hand auf das Blatt geworfen scheinen, entstehen oft erst nach mehreren Proben und Kopfzerbrechen.

 

„Wieviel Arbeit und Zeitaufwand hinter den Cartoons steckt, ahnen die meisten Leute nicht einmal“, sagt Margit Krammer.

In Graz geboren, kam sie 1991 als ausgebildete Bühnengestalterin nach Wien, praktizierte aber bald zunehmend ihre Vorliebe für das sentenziöse Zeichnen; Kurse wie z.B.bei F.K.Wächter folgten und darauf, fast zwangsläufig, die Arbeit für diverse Medien

in Österreich wie anderswo, dann die ersten Ausstellungen......

 

Auf Aquarellpapier mit schwarzem Stift und – wenn überhaupt – wenig anderen Farbtönen gestaltet Margit Krammer in Ausschnitten eine Welt, in der sich leicht das Festgefügte verschiebt und verselbständigt: etwa die Teile des menschlichen Körpers. Ohren, Münder, Augen befreien sich hier etwa von den Köpfen, denen sie in natura eingewachsen sind und schweben in der Luft. Auch Dinge, statische Daseinsdetails, entwickeln Eigenleben oder verändern ihren Aggregatzustand. Die Schwerkraft setzt aus, wenn Schuhe zu fliegen beginnen, während ihre Besitzer hilflos staunen. Und wo ein Mann liest, während ein anderer den Strohhalm ansetzt, um die Zeilen aus dem Buch zu trinken, könnte man sogar assoziieren, daß es sich (stellvertretend für anderes) um einen Band Heraklit handelt: „Alles fließt“ – hier aufs Wörtlichste optisch übersetzt, das heißt anschaulich mißverstanden, um eine ideale Form des Lesens nahezulegen.

 

Immer wieder werden bei Margit Krammer Sprichwörter, Begriffe oder Gedanken mittels Gegenständen, Symbolen sichtbar gemacht. Kompakte Ideen quasi. So hat die Cartoonistin etwa eine Reihe von Köpfen gezeichnet, aus denen anstelle der Haare kleine Bäume, Häuser, Menschen oder Wolken sprießen und die Silhouette formen, mit der sich der Kopf schwarz liniert in die Weiße des Blattes „schneidet“. Die Symbole weisen auf Gedankeninhalte und verändern den Ausdruck der Gesichter...... Wo Fische ihr Element verlassen und – ordentlich gereiht – über eine Glatze fließen, unter der melancholische, fischgleiche Augen schräg nach unten blicken, entsteht plötzlich das fatale Porträt eines Zwiespalts: Der Mann will fort, aus seiner Haut vielleicht – und kann nicht. Sehnsüchtig blickt er den Fischen nach, die blau über seine Schulter hüpfen, ins Bild hinein, aus dem Bild hinaus.

 

In vielen der Cartoons befindet sich der menschliche Kopf im Mittelpunkt – und die Augen, die – manchmal wie geblendet, hypnotisiert – aus dem Bild schauen. Augen zeichnet Margit Krammer zuerst. Augen, als Zeichen einer Welt, die sich auf tragikomische Impulse reduzieren kann und die sich dorthin entwickelt, wo im scheinbar kindlichen Strich alles einfach,

bestürzend und als solches zum Lachen ist. Eine Perspektive, aus der sich manche Zeitungsmeldung relativiert, vielleicht.

 

Birgit Schwaner ist Autorin und Kulturjournalistin und lebt in Wien.